Wie gestaltet sich das gehirngerechte Unternehmen der Zukunft?
Wie können die neuesten Erkenntnisse aus der Gehirnforschung für Führung und Personalarbeit genutzt werden?
Zur Diskussion dieser Fragen lud die partnerteams Unternehmensberatung e.Kffr. aus Darmstadt zahlreiche Vertreter aus der Wirtschaft am 8. April zu einer Vortrags- veranstaltung in die Orangerie in Darmstadt ein. Hochkarätige Referenten aus Forschung und Wirtschaft zeigten den Teilnehmern, wie das Verhalten von Vorbildern ganze Teams beeinflussen kann und gaben einen Ausblick auf das Unternehmen im demographischen Wandel.
„Die besten Lösungen erzielt man in Unternehmen, wenn junge und ältere Menschen zusammen in einem Team arbeiten“, davon ist Professor Dr. Dr. Spitzer, Chef der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm, überzeugt. Der studierte Mediziner und Psychologe gab allerdings zu Bedenken, dass in Projekten mit unterschiedlichen Altersgruppen andere Strukturen benötigt werden als bei gleichaltrigen Teams. Junge Menschen sind unbequem und fordern andere heraus. Sie brennen darauf, Neues kennen zu lernen. Ältere benötigen Anknüpfungspunkte an vorhandenes Wissen. „Wenn jemand bereits fünf Fremdsprachen kann, dann braucht er keine sechs Jahre, um die sechste Sprache zu erlernen“, so der bekannte Hirnforscher und Buchautor. „Man hängt einfach etwas an die vorhandenen Strukturen dran. Je mehr drin ist, desto mehr passt rein.“ Dabei geht es darum, in kleinen Lernschritten voran zu gehen, nicht mit Siebenmeilenstiefeln.
Die Auswirkungen des demographischen Wandels auf Unternehmen beleuchtete die Diplom-Pädagogin Dagmar Mehrhoff-Gerulat in ihrem Vortrag zum demographischen Wandel. „Erst wenn wir aufgehört haben, uns mit den eigentlichen Lerninhalten bewusst zu beschäftigen, speichern wir dieses Wissen im Gehirn“, fasste Mehrhoff-Gerulat zusammen. Dabei besitzt das Gehirn ein eigenes Belohnungssystem. Hier unterscheiden sich allerdings junge Mitarbeiter von alten. Bei Jüngeren ist das Belohnungssystem besonders aktiv, wenn eine Belohnung erwartet werden kann. Bei Älteren wird es dagegen erst aktiv, wenn der Gewinn wirklich eingetreten ist. Diese Gewinnerwartung überträgt sich auch auf das Lösen von Aufgaben. Während Jüngere dadurch Aufgaben schneller und korrekter lösen, lösen Ältere Aufgaben mit und ohne Aussicht auf Belohung gleich gut. Dies wirkt sich auch auf die Führung von Mitarbeitern und deren Bezahlung aus.
Mit dem dritten Lebensjahrzehnt nimmt zwar die Geschwindigkeit des Lernens, Denkens und Problemlösens ab, das Erfahrungswissen kann jedoch bis ins hohe Alter konstant gehalten oder sogar ausgebaut werden. Die neuesten neurobiologischen Erkenntnisse belegen, dass Jung und Alt Aufgaben gleich gut lösen. Es kommt aber auf die optimale Herausforderung älterer Arbeitnehmer an. „In vielen Unternehmen herrscht die Vorstellung, dass ältere Menschen mit neuen Aufgaben überfordert sind. Die Folge: Sie erhalten keine neuen Aufgaben“, so Mehrhoff-Gerulat. „Es gibt aber Anzeichen dafür, dass sie sich nicht über- sondern unterfordert fühlen.“ Die Leistungserwartung der Umwelt beeinflusst die Leistungsfähigkeit des Einzelnen. Zahlreiche Studien belegen, dass die Theorie, mit fortschreitendem Alter fände ein Qualitätsabbau und Leistungsabfall statt, zu bezweifeln ist. In jeder Lebensphase lernen wir, die Stärken des Gehirns besser zu nutzen.
Dr. Sebastian Schuh, Betriebswirt- schaftler, beleuchtete in seinem Vortrag die Auswirkungen der Ergebnisse der Gehirnforschung auf die Führung in Unternehmen. So ist beispielsweise die Bereitschaft, sich führen zu lassen, im Gehirn angelegt. Neueste Erkenntnisse belegen, was gesunder Menschenverstand schon immer vermuten ließ: Beim Thema Führung und Personalarbeit kommt es auf Vorbilder an. Menschliche Überlebensgemeinschaften setzen auf Kooperation. Das Gehirn unterstützt diese Tendenz durch ein internes Belohnungssystem. Es ist hungrig nach Neuem, besonders nach Kontakten und sozialen Austauschbeziehungen. Allerdings werden aktiv Situationen gesucht, in denen bewährte Muster gelebt werden können. Erst wenn dies nicht gelingt, werden eigene Verhaltensmuster geändert. In vielen Unternehmen fühlen sich Arbeitnehmer permanent unter Stress gesetzt. Doch Dauer-Stress macht dumm! Das interne Regulationssystem entgleist, die Zellen sterben ab. Damit wird die Führung zur Fürsorgepflicht des Arbeitgebers.
„Vorstandgremien und Top-Management müssen selbst Gehirnforschung betreiben“, so die Vision von Dr. Schuh. „In jedes Unternehmen gehört ein Chief Brain Officer!“
Zum Denken betreten wir selten neue Wege, sondern bewegen uns auf eingetretenen Pfaden. Gut werden Mitarbeiter erst dann, wenn sie die Möglichkeit erhalten, Schritt für Schritt das Erlernte mit Erfahrungen zu vertiefen. Damit gewinnen ausgewählte Praxismethoden, wie individuelles Coaching, kollegiale Beratung und Action-Learning-Programme zunehmend an Bedeutung in der Erwachsenenbildung.
Vielleicht ist der Trainer von morgen weniger Wissensvermittler als Wissens- und Erfahrungsmoderator. In dieser Funktion vermittelt er kein Wissen, sondern holt vorhandenes Wissen hervor und setzt dieses Wissen neu zusammen.
Die Gehirnforschung belegt, dass Weiterbildung nicht vom Alter abhängt, sondern von der Fähigkeit, neues Wissen zu transportieren. Neue Konzepte sind gefragt.
Resümee einer Teilnehmerin: „Heute haben wir wissenschaftliche fundierte Kenntnisse erhalten, um neue Ideen in der Personalarbeit im Unternehmen durchzusetzen. Schon allein dafür hat sich der Tag gelohnt!“